Borderline-Trialog II – Trialog Darmstadt + Borderline trifft Theater

© Foto by Michelle Spillner

Wie ich euch im Beitrag „Borderline-Trialog I – Basics“ schon erzählt habe, hat sich vor einigen Monaten eine Trialog-Gruppe in Darmstadt gegründet. Teil dieser ist auch das Projekt „Borderline trifft Theater“, in dessen Rahmen das Stücks „Achterbahn“ entstanden ist – eine szenische Collage, die mit verschiedenen Kunststilen Borderline in all seinen Facetten darstellt. Für diesen Beitrag habe ich mit dem Ideengeber Hans Gunia und dem Regisseur Kai Schuber-Seel darüber gesprochen.

Trialog Darmstadt

Hans Gunia ist ausgewiesener DBT-Spezialist, Gründungs- und Vorstandsmitglied des Dachverbandes DBT und Mitgründer des Darmstädter DBT-Netzwerks. Mit einem Trialog in Darmstadt hofft er, ein bekanntes Problem in der psychotherapeutischen Versorgungssituation zu beheben: „Wir müssen im DBT-Netzwerk viele Behandlungsanfragen ablehnen, weil wir keine Kapazitäten mehr haben. Es braucht deshalb noch ein anderes Angebot. Aber nicht nur für Betroffene, sondern auch für Angehörige. Diese brauchen ebenfalls Hilfe, weil sie ein erhöhtes Risiko haben, selbst an der Borderline-Störung zu erkranken. Das können wir ihnen aber nicht bieten. Der Trialog ist dafür eine gute Alternative, weil er einen Raum bietet, in dem sich alle Beteiligten austauschen und dadurch entlasten können“.

Der andauernde Mangel an Therapieplätzen

Jeder, der schon einmal nach einem Therapieplatz gesucht hat, kennt das Problem wahrscheinlich. Hans Gunia hat es in einem seiner Vorträge einmal in Zahlen ausgedrückt: Laut der Kassenärtzlichen Bundesvereinigung gibt es in Deutschland ungefähr 30 000 Psychotherapeutinnen. Deutschland hat ca. 83 200 000 Einwohnerinnen und die Prävalenz von Borderline liegt bei 1,5%. Das heißt pro 42 Borderline-Betroffenen gibt es einen Behandlungsplatz. In einer Studie von 2010 kam aber heraus, dass 22% der Therapeutinnen gar keine Menschen mit Borderline behandeln (vielleicht/hoffentlich ist die Zahl heute kleiner). Damit sind wir schon bei 53 Patientinnen pro Behandlungsplatz. Weil das aber noch nicht schlimm genug ist, haben 66% der Therapeutinnen keinen freien Platz mehr. So kommen wir am Ende auf 156 Borderlinerinnen pro freiem Behandlungsplatz.

Borderline trifft Theater

Wie ihr aus meinem Beitrag zum Trialog wisst, tauschen sich dort Betroffene, Angehörige und Fachleute konstruktiv miteinander aus, um so gegenseitiges Verständnis zu entwickeln. Das selbe wollte Hans Gunia aber auch noch auf anderem Weg erreichen, nämlich durch ein künstlerisches Projekt. Etwas ähnliches hatte er schon einmal vor einigen Jahren auf einer Veranstaltung in Leipzig gesehen. Damals organisierte der Verein WEGE e.V. ein eintägiges Programm zum Thema „Borderline Verstehen“. Im Rahmen dessen hatte auch das Borderline-Tanzprojekt „Dolores (Schmerz)“ einen Auftritt. Von diesem inspiriert entstand „Borderline trifft Theater“.

Achterbahn

Es ist dunkel. Im Hintergrund läuft Under Pressure von Queen. Sophia ist um 2 Uhr nachts auf dem Marienplatz in München und weiß gar nicht, was sie da eigentlich will. Vielleicht wieder zurückfahren? Wieder einmal hat sie so etwas einfach so gemacht und keiner versteht es – am wenigsten sie selbst. Ihr Handy klingelt: „Endlich erreiche ich dich! Mensch, du kannst doch nicht einfach dein Handy abschalten“, nach vielen verzweifelten Versuchen hat ihre Mitbewohnerin sie endlich erreicht. Ihre Stimme klingt aufgeregt, besorgt und doch erleichtert.

Im Sommer 2019 stellte Hans Gunia seine Idee dem Theaterpädagogen und Regisseur Kai Schuber-Seel vor. Dieser war sofort begeistert, da er es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, die Gesellschaft für psychische Erkrankungen zu sensibilisieren: „Ich finde, es ist die Aufgabe von Kunst und Kultur, sich für gesellschaftlich wichtige Themen einzusetzen. Gerade psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema, obwohl es für mich einfach dazugehört. Auch wenn meine Reichweite nicht so riesig ist, bin ich trotzdem ein Mensch des öffentlichen Lebens und dadurch habe ich die Möglichkeit mit meinen Aktionen mehr Menschen zu erreichen, als vielleicht der Einzelne“, erklärt er. Mit diesem Ziel im Hinterkopf entwickelte er das Stück „Achterbahn“. Die Message, die er dadurch transportieren möchte: „Der Mensch mit Borderline ist vollkommen in Ordnung“.

„Kennst du das“, fragt Sophia während es heller wird und hinter ihr ein Schatten zu tanzen beginnt, „wenn man behauptet, das Leben sei eine Achterbahn? Mit all den Auf und Abs und den Kurven und Loopings. Mich begleitet das Gefühl seit ich 14 bin, nur, dass ich immer ohne diese Sicherheitsbügel fahre. Mich kann es also jederzeit raus hauen und dann stürze ich. Und wenn die Achterbahn zum Stehen kommt und ich aussteigen kann, bin ich nicht mehr da, wo ich eingestiegen bin.“

Ensemble

Bei der Zusammenstellung des Ensembles spielte es für Kai Schuber-Seel keine Rolle, ob dieses aus Betroffenen oder Nicht-Betroffenen bestand: „Ich will da überhaupt niemanden mit einem Label versehen“, erklärt er, „für mich ist Kultur einfach etwas wundervolles und jeder der Lust darauf hat, hat ein Recht dazu.“
Außerdem wusste er von Anfang an, dass er nicht ausschließlich nach Schauspieler*innen suchen wollte. „Ich finde, genauso wie Borderline, ist auch die Kunst total facettenreich. Deshalb hat das super gepasst“, begründet er seine Entscheidung, verschiedene Kunststile zu kombinieren. Auf diese Weise gelingt es ihm, unterschiedliche Stimmungen zu erzeugen und am Ende eine emotional mitreißende szenische Collage aus Theater, Tanz und Musik auf die Bühne zu bringen.

Umsetzung

Kai Schuber-Seel selbst ist nicht von Borderline betroffen und konnte deshalb bei der Umsetzung des Stücks nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Es war ihm aber sehr wichtig, Borderline mit all seinen starken und zum Teil widersprüchlichen Emotionen und Gedanken darzustellen. Deshalb nutzt er zur Vorbereitung die verlässlichste aller Quellen: In Interviews erzählten ihm Betroffene, Angehörige und Fachleute von ihren Erfahrungen. Dabei war er positiv überrascht, wie aufgeschlossen und redselig alle waren. Nachdem er das letzte Interview beendet hatte, gab er mehrere Stunden Material an den Autor, Regisseur und Dramaturg Benjamin Ting weiter. Während dieser die Stückfassung schrieb, übernahm Kai Schuber-Seel die Inszenierung und Regie. Dabei stand für ihn ein achtsamer und respektvoller Umgang mit der Thematik zu jeder Zeit an erster Stelle: „Du kannst echt Leute damit triggern oder verletzen, wenn du es nicht mit der richtigen Sensibilität angehst. Auch im Ensemble waren wir sehr achtsam miteinander. Bei den Proben haben wir immer wieder gestoppt und uns über schwierige Themen ausgetauscht. Das hat uns allen geholfen, diese besser nachzuvollziehen.“

In den Szenen ist es mal wild, laut und chaotisch und dann wieder ruhig, dunkel und leise.
Immer wieder wickelt Sophia Seile um sich. Innere Anspannung, enormer, unaushaltbarer Druck – Emotionen, die sie umschlingen, nicht mehr loslassen, sich fester und fester zuziehen, sie gefangen nehmen.
Ein tanzender Schatten im Hintergrund – präsent, aber trotzdem unnahbar. Mal schnelle, mal langsame Bewegungen, nach oben, nach unten, nach rechts, nach links. Ein Chaos der Gefühle und Gedanken – Traurigkeit, Wut, Euphorie und Leere wechseln im Sekundentakt.
Foto by Michelle Spillner

Für Kai Schuber-Seel ist die Kunst wie geschaffen für die Darstellung solcher Themen: „Du kannst sie den Leuten nahebringen, die Magie der Kunst schafft aber trotzdem noch einen gewissen Abstand dazu. So können sie das teilweise einfach besser annehmen.“

Feedback

Im Stück tauchen immer wieder Freunde, Bekannte und Verwandte von Sophia auf, die ihrem Kampf mit ihren Emotionen und Gedanken zuschauen. Die Reaktionen reichen von Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, über Mitleid und Sorge bis hin zu Unverständnis.
Borderline bringt so vieles mit sich, das von außen nicht zu erkennen ist. Um es wirklich zu verstehen, muss man es selbst miterlebt haben. Das spiegelt sich auch in einem Teil des Feedbacks wider, das Kai Schuber-Seel für das Stück bekommen hat. Er findet das aber vollkommen in Ordnung: „Das ist ja das schöne an Kunst und Kultur: Du musst nicht alles verstehen. Aber das Gefühl, die Wärme, die Achtsamkeit, die Sensibilität im Umgang mit dem Thema, die künstlerische Ausarbeitung mit den schönen Bildern, das minimalistische Bühnenbild, dass wir nur mit Seilen gearbeitet haben, alles das bleibt ja trotzdem in Erinnerung.“
Am 8. Juni wurde „Achterbahn“ das letzte Mal aufgeführt. Wenn Kai Schuber-Seel auf die letzten Monate zurückblickt, kann er feststellen: „Ich bin stolz darauf, dass wir diese Achterbahnfahrt als Ensemble geschafft haben“ und besonders nach all den Steinen, die ihm Corona in den Weg gelegt hat, kann er das auch sein.

Ein paar abschließende Worte

Ich habe mir „Achterbahn“ erst live und dann noch ein paar Mal auf YouTube angeschaut. Bei jedem Mal gab es andere Aspekte, über die ich länger nachgedacht habe. Kunst ist einfach etwas Faszinierendes, weil sie diese unbeschreibliche Magie mit sich bringt. Sie gibt dir die Möglichkeit, Themen anzusprechen, ohne sie anzusprechen. Kai Schuber-Seel sieht das genauso. Am Ende unseres Interviews sagte er auch nochmal: „Bei diesem Projekt ist mir mal wieder bewusst geworden, wie wundervoll es ist, was ich machen darf“ und das kann ich gut verstehen. Ich hab zwar versucht in meinem Beitrag die Atmosphäre des Stückes etwas zu beschreiben, aber die Magie der Kunst lässt sich einfach nicht in Worte fassen, das müsst ihr selbst gesehen haben. Schaut euch „Achterbahn“ deshalb unbedingt auch mal auf YouTube an:

Ich möchte den Beitrag abschließen mit einem Zitat aus dem Stück, mit dem die Mitbewohnerin von Sophia sie beschrieben hat: „Sie ist eben ein Fabelwesen“ ♡

Zur Info

Wegen Corona musste das erste Treffen des Darmstädter Trialogs immer wieder verschoben werden. Mittlerweile steht der Termin aber offiziell fest: Am 6. Juli um 20 Uhr treffen sich alle Interessierten über Zoom. Schaut doch auch mal vorbei. Den Link und auch alle anderen Informationen zum Trialog Darmstadt findet ihr auf trialog-darmstadt.de.

Hier findet ihr meinen ersten Beitrag zum Borderline-Trialog

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